Das Ruhrgebietsdeutsch - Sprache der Proleten

Gerhard Kluge

Ruhrdeutsch - Sprache der Proleten?

Sehr geehrter Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren,

zunächst möchte ich mich sehr herzlich bedanken, dass sie mich für Ihr heutiges Meeting eingeladen haben, um mit Ihnen ein wenig über die Sprache im Ruhrgebiet zu plaudern. Ich sage bewusst plaudern, weil ich nicht vorhabe, Ihnen heute Abend mit einem trockenen wissenschaftlichen Vortrag zu kommen, wiewohl einige wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse unumgänglich sind, sondern weil ich sie ein wenig mitnehmen möchte auf dem Weg, das Besondere dieser Sprache zu erkennen und sich auch dafür ein wenig zu erwärmen. Ich selbst kenne diese Sprache seit meiner frühsten Jugendzeit, denn erlauben sie mir bitte diese kleine biographische Anmerkung - denn ich bin als Sohn eines Pfarrers in Gelsenkirchen in einer Gemeinde aufgewachsen, deren Bewohner zu einem großen Teil Bergleute waren und das, was wir die Sprache dieser Region nennen, in reinster Form sprachen. Naturgemäß hat man in einem Pfarrhaus intensiven Kontakt zu den Gemeindegliedern und ihrem Sprachverhalten.

In den zwanzig Jahren, die ich mehr oder weniger zu Hause war, habe ich die Sprache gehört und natürlich auch angenommen, so dass ich später im Studium aufgrund meines Sprechens immer als Ruhrgebietler erkannt worden bin, obwohl ich doch der Meinung war, Hochdeutsch zu sprechen.

Seit dieser Zeit habe ich auch ein besonderes Faible für diese Sprache und beobachte aufmerksam alle literarischen Versuche mit dieser Sprache.

Ich finde, diese Sprache passt zu den Menschen im Ruhrgebiet und zu ihrer liebenswerten Unmittelbarkeit, Direktheit und Unkompliziertheit.

Ich weiß gar nicht, ob heute noch diese Sprache so lupenrein gesprochen wird wie damals. Mit dem Sterben der Zeche ist vielleicht auch die Sprache zurückgedrängt worden.

Es kann aber auch sein, dass ich keinen unmittelbaren Kontakt mehr zu den Bevölkerungsschichten habe, die diese Sprache auch heute noch sprechen, wenn man einmal davon absieht, dass wir alle aus dieser Region Ruhrgebietssprache in unser Sprachverhalten integriert haben, ohne es vielleicht zu merken.

Das Thema des heutigen Abends „Ruhrdeutsch - Sprache der Proleten?" ist bewusst provokativ gewählt, und zwar so, dass schon im Thema unsere Einstellung zum Ruhrdeutschen zum Ausdruck kommt.

Denn wenn wir ehrlich sind, glauben wir doch, dass das Ruhrdeutsch Sprache der Proleten ist, wobei der Begriff Proleten bewusst abwertend gebraucht wird.

So verstanden, bezeichnet er den, der der unteren gesellschaftlichen Schicht angehört und nicht einmal richtig Deutsch sprechen kann, also ungebildet ist.

Wenn wir diese Sprache gebrauchen - und wir tun es ja manchmal ganz bewusst - dann tun wir es im Grunde, um uns über diese Sprache lustig zu machen, und immer mit dem Hintergedanken, dass wir ja zu der Schicht gehören, die - Gott sei Dank - korrektes Deutsch sprechen kann. Diejenigen, die Ruhrdeutsch sprechen, die können ja nicht einmal die verschiedenen Fälle auseinanderhalten.

Und daran wird noch etwas deutlich. Wir reduzieren das Ruhrdeutsche vielfach auf den Bereich des falschen Gebrauchs der Kasus, und nichts kann bei uns eine größere, ja ich möchte fast sagen, eine moralische Entrüstung hervorrufen, als wenn einer sagt: ,,Ich gratuliere Sie."

Überraschenderweise sind wir nur bei dem Ruhrdeutschen so kasusempfindlich. Bei anderen Regionalsprachen sind wir weit großzügiger, reagieren auf Verstöße gegen die Regeln der Hochsprache ganz anders.

Wenn z.B. ein Berliner sagt: ,,Ik liebe dir", sagt jeder: „Ach wie nett der berlinert."

Sagt einer bei uns: ,,Gib mich ma dat Buch", dann heißt es gleich: ,,Ohje, wieder son Prolet, der kein Deutsch kann."

Eine Zeitlang war ich der Meinung, die Ursache für eine solche intolerante Reaktion auf das Ruhrdeutsche habe darin ihren Grund, dass man die Fehler erkennt, weil das Ruhrdeutsch nicht besonders von der Hochsprache abweicht - wir werden gleich noch sehen warum - und dass wir deshalb die Fehler erkennen.

Denn eins ist ganz gewiss: Jede Mundart, jedes Platt weicht ganz erheblich von den Regeln der Hochsprache ab. Nur weil wir das Platt in der Regel nicht verstehen, deshalb erkennen wir auch die angeblichen Fehler nicht und sind deshalb auch nicht entrüstet.

Wenn diese Meinung zuträfe, dann müssten wir auch bei den Berlinern so reagieren. Da wir es nicht tun, muss es noch einen anderen Grund geben.

Ich will versuchen, diesen Grund in Form einer These zu formulieren:

Die abwertende Haltung zum Ruhrdeutschen liegt im Grunde in der negativen Einstellung zum Ruhrgebiet begründet.

Was dem Berliner als dem Bewohner der Hauptstadt nicht nur nachgesehen, ja sogar positiv angerechnet wird, das wird dem Ruhrgebietler,

dem Bewohner dieser schmutzigen Region, übelgenommen.

Eine Bestätigung dieser These habe ich im Hinblick auf eine ganz andere Region bei Robert Walser gefunden.

In seinem Aufsatz „Bemerkungen über unseren Dialekt" schreibt er über das Alemannische, das am Bodensee gesprochen wird, folgendes:

„Am Bodensee, zwischen Lindau und Fischbach, kann jeder studieren, wie Sprache sich nach politischen Verhältnissen zu richten hat.

Wer in den letzten 150 Jahren hier etwas gelten wollte, hat die zugezogenen Münchener oder Stuttgarter Beamten imitiert.

Münchner Bairisch und Stuttgarter Schwäbisch sind zu bürgerlichen Standesmerkmalen geworden.

Das Alemannische der Eingeborenen wurde zu einem Ausweis für mangelnde Erzogenheit und Bildung, die Imitation des Bairischen und Schwäbischen zu einem Karriere-Indiz."

Damit ist noch ein anderer Grund für die Einschätzung des Dialekts deutlich geworden. Es liegt auch an der Haltung der „Eingeborenen" zu ihrem Dialekt.

Wenn sie - die Eingeborenen - selbst sich nicht ihrer regionalen Sprachvariante ganz sicher, ja stolz auf sie sind, dann können sie auch nicht von anderen erwarten, dass sie diese Sprache anerkennen.

Nun gibt es in der Überschrift noch eine zweite problematische Stelle. Die Überschrift spricht vom Ruhrdeutschen als Sprache.

Jeder von uns weiß, dass er in verschiedenen Kommunikationssituationen unterschiedlich spricht.

In bestimmten Situationen ist er bemüht sein bestes Hochdeutsch zu sprechen, z. B. in einer Prüfungssituation,

bei einem Arztbesuch oder beim Elternsprechtag.

Bei einem Gespräch über den Zaun mit dem Nachbarn spricht man erheblich lockerer, und während man z.B. in der einen Situation sagen würde: ,,Er ist gerade noch dabei, den Rasen zu schneiden", sagt man in der anderen: ,,Er ist noch am Rasenschneidn."

Unser Sprechen ist also situationsabhängig, d.h. letztlich, jeder von uns ist mindestens zweisprachig.

Er spricht das Hochdeutsche, so gut er kann, er kann aber auch die regionale Umgangssprache sprechen.

Und damit ist ein Begriff gefallen, bei dem ich es im Hinblick auf das Ruhrdeutsche bewenden lassen möchte: Umgangssprache.

Ich will Sie am heutigen Abend nicht mit all den wissenschaftlichen Theorien langweilen, die sich damit auseinandersetzen, ob nun unsere

 Ruhrgebietssprache eine Dialekt, ein Soziolekt, eine regionaler Substandard oder eine regionale Varietät ist.

Ich glaube, wir sind mit dem Begriff „Umgangssprache" gar nicht so schlecht beraten, weil in diesem Begriff auch der Aspekt zum Ausdruck kommt, dass diese Sprache sehr situationsbezogen ist und in diesen Situationen von besonderer kommunikativer Qualität ist, was ich später an Beispielen noch erklären werde.

Lassen Sie mich einen kurzen Augenblick - auch das soll nicht so ganz wissenschaftlich geschehen - auf die Entstehung des Ruhrdeutschen eingehen.

Es ist in der Wissenschaft immer wieder die „Schmelztiegel-Theorie" vertreten worden. Die These besagt, dass so wie das Ruhrgebiet in personaler Hinsicht ein Schmelztiegel war, es auch in sprachlicher Hinsicht gewesen sei.

Vor allem die hohe Zahl der Einwanderer aus dem Osten, vor allem aus Masuren und Polen, hätten einen bedeutenden Einfluss auf die Sprache des Ruhrgebiets gehabt.

Diese These ist nicht zu halten.

Es gibt, wie in verschiedenen Untersuchungen nachgewiesen worden ist, in unserem Ruhrdeutsch nur ganz wenige Wörter, die aus dem Polnischen stammen:

z B. Matka, Mottek, Pinunsen.

Man hat sich sehr gegen die Übernahme polnischer Worte und Spracheigentümlichkeiten gewehrt und hat das, was die zumeist ungelernten Einwanderer sprachen, deutlich abwertend als „Polnisch Platt mit Zungenschlag" bezeichnet. Das breite Sprechen der Masuren und Polen, ihre Schwierigkeiten mit der deutschen Wortstellung, die slawische Vorliebe für Konstruktionen mit „sich" und das Fehlen des bestimmten Artikels im Polnischen sind immer wieder Anlass zu Spottversen gewesen.

Einer lautet:

,,Und is sich Kammrat fleißig, so kricht sich drai Mark dreissig.

Und is sich Kamrat faul, so kricht sich wat aufs Maul."

Dass Ablehnung der polnischen Spracheigentümlichkeiten auch mit der Ablehnung der Menschen aus Polen Hand in Hand ging, zeigt ein zweiter, sehr drastischer Spottvers:

,,Is sich Polack, frisst sich Fliegen, kackt sich Wasser wie dinn."

 Nein, das Polnische hat auf die Ruhrgebietssprache keinen Einfluss genommen. Ganz im Gegenteil.

Man hat es bewusst zurückgedrängt, und jeder der sich integrieren wollte, war gut beraten, wenn er seine Spracheigentümlichkeiten so schnell als möglich ablegte. .

Woher stammt also unser Ruhrdeutsch, und was hat es beeinflusst?

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir ein wenig in die Sprachgeschichte eintauchen. Ich tue das in aller Kürze und zeige nur große Linien auf.

Die Benrather Linie, die südlich des Ruhrgebiets verläuft, markiert den Übergang von hochdeutschen und niederdeutschen Dialekten. Das gesamte Gebiet, das wir heute Ruhrgebiet nennen, lag also im Gebiet der alten nieder- deutschen Dialekte, hier des Westfälischen und des Niederfränkischen. Da der Raum mit Ausnahme einiger größerer städtischer Zentren wie Duisburg, Essen und Dortmund überwiegend agrarisch und kleinräumig strukturiert war, kann man davon ausgehen, dass in diesem Gebiet die niederdeutschen Mundarten nicht nur verstanden, sondern auch täglich gesprochen wurden.

Als an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert das Hochdeutsche in diese Region eindrang, gingen die gebildeten und wirtschaftlich führenden Kreise dazu über, zumindest in öffentlichen Situationen Hochdeutsch zu sprechen.

Dieses Hochdeutsch war mit niederdeutschen Einsprengseln durchsetzt, und es ist verbürgt, dass man schon um 1750 in Norddeutschland sagte,

„gib mich dat" und ,er is bei mich gewesen" ..

Als dann im 18. und 19. Jahrhundert die Zahl derjenigen zunahm, die Hochdeutsch vollständig beherrschten, entstand für dieses mit niederdeutschen Einsprengseln versehene Deutsch die spöttische Bezeichnung „Hochdeutsch auf Klompen" (Hochdeutsch auf Holzschuhen) oder „Klompendeutsch".

Trotz aller Kritik und solchen Spottes war jedoch dieses Klompendeutsch die ersehnte Prestigesprache für alle diejenigen, die nur das Plattdeutsche beherrschten.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde das Niederdeutsche in seinem gesamten Verbreitungsgebiet zurückgedrängt, auch im entstehenden Ruhrgebiet.

Ich brauche in diesem Kreis nicht auf die explosionsartigen ökonomischen und kulturellen Veränderungen einzugehen, die sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in diesem Gebiet vollzogen haben.

Mit diesen Veränderungen änderten sich auch die Sprache und das Sprachverhalten. Die niederdeutschen Dialekte waren angesichts der vielen Einwanderer nicht mehr geeignet, als Verständigungsmittel zu dienen. Hinzu kam, dass die Standardsprache von immer breiteren Bevölkerungsgruppen nicht nur passiv, sondern auch aktiv gesprochen wurde. Vor allem jüngere Generationen bemühten sich etwa seit Beginn des Jahrhunderts um die Standardsprache.

Diese Entwicklung hat auf die niederdeutschen Dialekte verdrängend gewirkt. Sie erlebten einen rapide fortschreitenden Prestigeverlust.

Im Zuge dieser industriellen Revolution verlor das Klompendeutsch seinen Charakter als Übergangssprache vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen und wurde zu einer Gebrauchssprache einer Millionenbevölkerung. Es wurde zu einer Mundart.

Von da an scheint der Begriff „Ruhrdeutsch" angebracht.

Das Ruhrdeutsch verleugnet seine niederdeutsche Herkunft nicht. Für alle Charakteristika sowohl der Lautlehre wie auch der Formenlehre und in der Syntax und Lexik des Ruhrdeutschen zeigen sich überraschende Parallelen mit den alten niederdeutschen Dialekten.

Als Beispiele werden in der Wissenschaft angeführt die Pronomina dat und wat, die Verlaufsform am singen, keine verschiedene Formen für Dativ und Akkusativ bei den Personalpronomen (Westfälisch mi/mi für mir und mich).

Direkt aus dem Niederdeutschen sind übernommen z. B. Kopp, Stücksken, Wech, die Doktors.

Manches ist ungenau ins Ruhrdeutsch übertragen wie z.B. loot öm zu lass ihm.

Diese Reihe ließe sich beliebig verlängern.

Als die niederdeutschen Dialekte bereits weitgehend verdrängt waren, begannen die Schulen ihren Feldzug gegen das Ruhrdeutsche. Durch die negative Bewertung des Ruhrdeutschen durch die Schule entwickelte sich diese Sprache zu einer missachteten Sprachausprägung, und je höher die Schulbildung war, desto geringer waren die Merkmale ruhrdeutscher Umgangssprache.

Einen Umschwung in der Beurteilung des Ruhrdeutschen kann man erst in jüngerer Zeit verzeichnen, als man insgesamt eine andere Einstellung zu mundartlichen Sprachausprägungen fand und als die Hochsprache und die ruhrdeutsche Mundart nicht mehr in Opposition standen. Denn nachdem nun fast alle die Hochsprache beherrschten, wurde das Ruhrdeutsche zu einer Alternativsprache, vergleichbar einem Dialekt.

Es dient in der Familie, unter Freunden und Bekannten als Verständigungsmittel, in dem sich Unmittelbarkeit und Anteilnahme direkt zum Ausdruck bringen lassen.

Mindesten seitdem wir mit „Kumpel Anton" intensiv mit dem Ruhrdeutschen bekannt geworden sind, bringt man dieser Sprache in dieser literarischen Ausprägung eine geradezu liebevolle Einstellung entgegen. Wir lassen uns nicht nur amüsieren, nein, auch verzaubern von der Ungezwungenheit und Direktheit dieser Sprache und von den vielfältigen kommunikativen Möglichkeiten, die diese Sprache in konkreten Alltagssituationen eröffnet.

Eine solche liebevolle Reverenz erweist dieser Sprache Ralf Rothrnann in dem jüngst erschienenen Roman „Wäldernacht", den ich während einer literarischen Nacht in Gelsenkirchen kennen lernte. Dort heißt es:

„In den restlichen Fächern stand es weniger gut um ihn, seine Versetzung war immer wieder gefährdet; vor allem im Deutschen hatte er mehr Probleme, als ohnehin üblich zwischen den Zechen. Denn im Ruhrpott wurde inbrünstig falsch gesprochen, schlechter Stil gehörte zum guten Ton, war Ausdruck menschlicher Wärme und Opposition - und erzeugte zudem ein seltsam erotisches Flair, besonders wenn er von Frauen in Kittelschürzen und turbanartig gebundenen Kopftüchern gepflegt wurde.

,,Mmh, Hennes, kannsse mich main Dübl da nebende Poofe reintun?"

Die elementare Grammatik hatte wenig Chancen in einer Gegend, in der man „Erna, nimm dich schomma der Kaffee!" sagte.

Oder, auf dem Fußballfeld: „Ä Waller, schick mich die Kirsche! Schickse mich her! Steh doch frei, du lahme Ente!"

Oder wenn unsere füllige soeben erst von ihrem vierten Kind entbundene Nachbarin „Ker, Ker!", durch den Supermarkt rief. ,,Der Olle hat mich schon wieder ein angedreht. Getz is Schluss mit die Popperei, dat glaubse wohl!"

- Hochsprache war hier Balanceakt, mancher geriet ins Wanken, und als Hillers Fortkommen aus der fünften Klasse fraglich schien und jede so kleine Besserung zählte, sollte ich ihm bei den Schulaufsätzen helfen."

In den achtziger Jahren begann man das Ruhrdeutsche lexigraphisch zu erfassen. Einer meiner ersten Referendare, die ich im Bezirkseminar ausgebildet habe, Werner Boschmann, brachte mit seinen Schülerinnen und Schüler im Jahre 1981 den Almanach „1000 Worte Bottropisch" heraus und erwies der Ruhrgebietssprache seine Reverenz:

Zitat :

1989 erschein dann das kleine Wörterbuch der Ruhrgebietssprache: HÖMMA!

on Claus Sprick, das sich u.a. auf Boschmann beruft. Für alle, die hier auf gewachsen sind, sind beide Bändchen ein reines Vergnügen.

Einige lexikalische Besonderheiten seinen genannt: Blagen, Blötsche, deuen, Kusselkopp, malochen, Pläte, Plästern, Pratsche, Prengel, schmoken, stochen, ullig

Nun soll aber das Ruhrdeutsch selbst ein wenig unter die Lupe genommen werden.

Was sind denn die Besonderheiten im sprachlichen System des Ruhrdeutschen?

Sie werden gleich an den Beispielen sehen, wie viel auch in unsere alltägliche Sprache von diesem Ruhrdeutschen eingedrungen ist, obwohl wir doch wahrscheinlich schwören würden, Hochdeutsch zu sprechen. Es würde zu weit führen, für alle Bereiche Beispiele zu nennen.

Das würde unsere Zeit heute Abend sprengen.

Darum will ich mich auf einige beschränken:

Besonderheiten der Lautlehre

T statt s im Auslaut: dat, et, alet, wat dicket

Vokalisierung des r vor Konsonant und Hebung des vorangegangenen Vokals. Wir kennen es alle: Gelsenkiachen, Duast, Biane

Ausfall des r vor Konsonant und Ersatzdehnung des a: Aabeit, waam, staake Faabe.

Stimmhafter S-Laut nach kurzem Vokal und bei Schreibung des ss: fisseln, Gebrassel, knüsselig schnasseln.

Besonderheiten der Formenlehre

1. Pers. Präs. Singular ohne e: ich hab, ich kenn, ich glaub, ich geh

Pluralformen auf s beim Substantiv: die Kinners, die Dokters; die Krümels

Unflektiertes Possessivpronomen: mit sein Bruder, unser Tante (Kumpel Anton: unser dicke Tante Matta)

Nachdem wir uns bis jetzt eher mit Lauten und Formen beschäftigt haben, kommt jetzt die Silbe:

Der Ruhrdeutsche ist ein Meister des Einsparens. So werden die Schlusssilben -ben und -bend immer zu -mt. Abend wird zu Aamt, schreibend zu schreimt usw.

Die Fähigkeit der Verkürzung wird noch an anderer Stelle sichtbar.

Bestimmte und unbestimmte Artikel werden grundsätzlich an vorausgehende Präpositionen und Konjunktionen angehängt.

Jemand hat was „anne Füsse" und er sorgt für Ordnung „inne Bude".

Pronomina die nach einem Verb stehen, werden nicht nur einzeln, sondern auch zu mehreren dort angehängt.

Aus „Kannst du das mal ein bisschen sortieren" wird „kanzat maan bissken sortiern?"

Ja schließlich kann man alle unbetonten oder kaum betonten Wörter aneinander hängen.

„Wie klapptata?” ,

,,Kumma wattata qualmt" oder

„Sach domma watte wilz" kennt jeder.

Und Hand aufs Herz, sagen wir es nicht auch ?

Aber nun zu dem, auf das Sie alle schon warten, zu der Kasuslehre:

Vier Fälle sind zuviel. Damit umzugehen ist viel zu schwierig. Darum verkürzt das Ruhrdeutsche im Grunde die vier Kasus auf zwei.

Nominativ und Akkusativ.

,,Wen hört dat Ratta vor Tür? „Ich!"

Dabei werden diese Kasus auch miteinander vertauscht.

Nominativ steht für Akkusativ. Der Fisch musst du nicht essen. Akkusativ steht für Nominativ: „Dat is'n feinen Kerl";„du alten Esel".

Und der Akkusativ dient auch als Vokativ: Tja, lieben Polizeimeister.

Dass der Dativ und Akkusativ nicht unterschieden werden, das hatten wir schon als ein typisches Merkmal niederdeutschen Einflusses kennen gelernt.

Darauf will ich jetzt nicht mehr eingehen.

Viel schwieriger steht es mit dem Dativ.

Im Grunde müsste er ja ganz verschwunden sein. Und doch, wir kennen unzählige herrliche Beispiele, in denen der Dativ so wunderbar falsch gebraucht wird. ,,Ich geh im Bett." ist da nur das gängigste.

Seitdem hier im Club bekannt ist, dass ich ein Liebhaber des Dativs - des ruhrdeutschen Dativs versteht sich - bin,

bringen mir die Freunde immer wieder die neusten Beispiele aus ihrem Arbeitsbereich mit.

Jürgen Damas hat in jüngster Zeit klassische Beispiele selbst gehört.

„Herr Doktor, ich hätte wohl an einer neuen Brille gedacht." oder

,,Nun brüll nicht, der Doktor will dir doch nur in deinen Augen gucken."

Und Freund Fritz wurde von einem seiner Kunden ernstlich ermahnt.

,,Herr Dr. Fritz, dass sie mir ja nicht am Rabatt gehn."

Herr Rose, unser Kulturdezernent, hat bei der Eröffnung unserer Schulaula in Würdigung der Ausdauer, derer es bedurfte, um den Umbau durchzusetzen, zu mir gewandt, gesagt: ,,Im Ruhrgebiet würde man sagen: Nur durch Beharrlichkeit kommt man am Ziel."

Und zum unzähligen Male erzähle ich heute Abend die Geschichte des Hausmeisters in einem Landschulheim, der in seiner Einweisungsrede die Schüler ermahnte. ,,Unter den Betten gehört nichts drunter, es gehört alles in den Schränken rein." Und beim Abschied sagte er noch: ,,Bis der Omnibus kommt, stellen wir uns alle unter der Terrasse drunter."

Was hat es mit diesem Dativ auf sich?

Ich habe immer angenommen, dass der falsche Gebrauch des Dativs sich deshalb eingeschlichen hat, weil man Angst hat, den Akkusativ falsch zu gebrauchen.

Aus diesem Grund eliminiert man den Akkusativ gänzlich. Wer ihn gar nicht gebraucht, kann ihn nicht falsch gebrauchen.

Inzwischen habe ich in einer wissenschaftlichen Abhandlung eine Erklärung gefunden, die diese Meinung in gewisser Weise bestätigt, den Akzent aber doch noch anders setzt. Dort heißt es, dass der übermäßige Dativ „am Telefon kommen" und „im Magen boxen" als Hyperkorrektheit aufzufassen ist, weil sich dieser Kasus für einen dativlosen Niederdeutschen hochdeutsch und vornehm anhörte. Und diese Erklärung leuchtet mir vollkommen ein.

Und seien Sie ehrlich! Ich hätte an einer neuen Brille gedacht. Klingt das nicht wirklich viel vornehmer als die hochdeutsch korrekte Form?

Wichtiger als die grammatikalischen Besonderheiten aufzuzeigen, ist es, den kommunikativen Möglichkeiten einer Mundart, wie sie das Ruhrdeutsche ist, nachzuspüren.

In dem Büchlein „Hömma" habe ich folgende Definition von Umgangssprache gefunden:

„Umgangssprache muss vor allem bequem sein -- wie ein ausgelatschtes Paar Schuhe. Sie darf, im Gegensatz zur Hochsprache, nirgends drücken oder kneifen, sondern muss ohne Aufwand oder viel Aufhebens ihre beiden Haupt-Zwecke erfüllen: dass man sich mit ihr in allen Alltagssituationen mühelos verständigen und dass man dabei zugleich seine eigene Einstellung unmissverständlich kundtun kann."

D. h. also: Von einer Umgangssprache verlangt man bequeme Kürze und unmissverständliche Verständigung.

Das Ruhrdeutsche erfüllt diese Bedingungen in geradezu idealer Weise.

Der von mir so oft schon erzählte Witz muss an dieser Stelle noch einmal herhalten, da der Witz diese Aufgabe der Mundart, unmissverständlich zu sein, geradezu thematisiert.

In der Zeche unter Tage ruft der Vorarbeiter immer: ,,Her mit die Wagen! Her mit die Wagen." Der Steiger, der vorbeikommt, entrüstet sich.

,,Mensch Karl, das heißt doch: Her mit den Wagen". ,,Steiger, wat denkste, weiß ich doch. Aber wenn ich rufe, her mit den Wagen, schicken die mir nur einen."

Na klar - Missverständnisse kann man sich auf einer Zeche nicht leisten und müssen vermieden werden.

Lassen Sie mich die kommunikativen Möglichkeiten des Ruhrdeutschen an einigen Beispielen erläutern.

Mein Vater hatte vor Jahren einen Hilfsprediger, der den Fotografiertick hatte. Alles und jedes musste fotografiert werden. So ging er eines Tages auch in den Kindergarten. Um eine besondere Perspektive zu haben, setzte er sich auf die Erde und fotografierte aus der Froschperspektive.

Ein kleiner Stöpke schaute sich das eine Weile an und sagte dann. ,, Ä, sitzt auf Erde?"

Welch eine kommunikative Kraft haben diese vier Worte. Zum einen drücken sie eine verwunderte Feststellung aus. Der Erwachsene sitzt auf der Erde. Zum andren steckt aber auch ein hohes Maß an Missbilligung darin. Im gesprochenen Fragezeichen klingt das „etwa" mit.

Sitzt du etwa auf der Erde? Das tut ein Erwachsener nicht. Das ist den Kindern vorbehalten.

Bewunderung und Missbilligung halten sich die Waage.

Mit diesen vier Worten hat der kleine Junge noch ein riesiges sprachliches Problem gelöst.

Die Anrede! Was soll er sagen? ,,Hallo; Sie da?" „He du?" Oder gar „Oh; Herr Pastor? Das geht alles nicht. Ä - und das Problem ist gelöst.

Nun ein zweites Problem. Du oder Sie? „Du" geht nicht. Das weiß er. „Sie" ist viel zu schwer. Pluralbildung.

,,Sitzen Sie" überfordert das Sprachvermögen, ist dazu umständlich. Also „sitzt".

Das Pronomen wird einfach weggelassen und der Artikel dazu, ohne dass die Aussagekraft geschwächt wird. Im Gegenteil. Sie wird stärker.

Ein anderes Beispiel:

Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten heute Abend keine Lust gehabt zu kommen, waren aber doch der Meinung, aus irgendeinem Grunde könnten Sie nicht zu Hause bleiben. Also kommt es, während Sie sich für die Abendveranstaltung umziehen, zu den uns allen sattsam bekannten Gesprächen.

Mann zu Frau oder Frau zu Mann:

,,Ich hab keine Lust."

Nein, das ist noch zu wenig. Das Ausmaß der Unlust kommt noch nicht zum Tragen. ,,Ich hab überhaupt keine Lust."

Noch zu wenig.

,,Ich habe zum Verrecken keine Lust."

Schon besser, obwohl ein bisschen ordinär und sprachlich nicht ganz akzeptabel.

Nun der Ruhrdeutsche:

,,So wat von keine Lust, wat ich heute hap."

Das lässt sich kaum steigern. Unendlich ist das Maß der Unlust, aber in diesen Worten kommt gleichzeitig ein resigniertes sich Fügen in die Unerbittlichkeit des Unabwendbaren zum Ausdruck. Lust hin Lust her. Es hat keinen Zweck, ich muss.

Schauen wir unter dem kommunikativen Aspekt noch einmal auf zwei bereits eben zitierte Sätze.

,,Wen hört das Ratta vor Tür?"

Dies ist nicht nur eine Frage? Nein, ein hohes Maß an Ärger und Missbilligung steckt darin. Wieder hat irgendeiner der Sprösslinge sein Rad nicht ins Haus getragen. Das ist doch zum junge Hunde kriegen.

Der Schuldige gibt sich mit dem „Ich" nicht nur kleinlaut zu erkennen, er versteht natürlich die eigentliche Aussage, den Vorwurf, und antwortet mit dem „Ich" in verkürzter Form. ,,Ich trag es sofort rein."

,,Nur durch Beharrlichkeit kommt man am Ziel"

Vergleichen wir diesen Satz einmal mit dem hochdeutsch korrekten: ,,Nur mit Beharrlichkeit kommt man ans Ziel."

Der hochdeutsche Satz gibt die Richtung an, sagt aber noch nichts darüber aus, ob diese Beharrlichkeit auch tatsächlich aufgebracht wird.

Der hochdeutsche Satz ist die moralisch lehrhafte Aufforderung, beharrlich sein Ziel zu verfolgen.

Der Ruhrdeutsche spricht vom Ziel aus und spricht aus Erfahrung. Er ist bereits am Ziel. Triumph spricht aus seinen Worten. Und rückblickend kann er sagen.

Ich bin am Ziel, weil ich beharrlich war. ,,Nur durch Beharrlichkeit kommt man am Ziel."

Anderen moralische Lehren zu geben, das liegt dem Ruhrdeutschen nicht.

Wir können den heutigen Abend nicht beenden, ohne dass wir eines Mannes gedenken, der dem Volk hier aufs Maul geschaut hat.

Ich meine Wilhelm Herbert Koch, der dieses Ruhrdeutsch phonetisch, syntaktisch und im Wortlaut treffend erfasst und wiedergegeben hat.

Seine kleinen Geschichten müssen als Gegenwartschronik verstanden werden, in der die Gedanken und die Sprache der kleinen Leute im Revier nachgezeichnet werden. Kochs Geschichten schildern Menschen aus der alten Schicht des Ruhrgebiets, die zwar einer deftigen Lebensart anhängen, deren Eigensinn und nicht gerade zarter Humor sich aber im Alltag bewähren.

Kumpel Anton und sein Freund Cerwinski unterhalten sich über alltägliche Probleme, und es zeigt sich, dass sie mit Witz und Durchblick diese Probleme lösen. Man kann sich keine pfiffigere Antwort vorstellen auf die Frage:

„ Wat hälze aintlich fon unsere Regierunk?" als die von Anton:

,,Wenn wir die nich hätten, hätten wir bestimmt ne andere".

Und die täglichen Belastungen des Alltags werden von den beiden gesehen, aber mit stoischer Geduld auch ertragen, weil sie nichts daran ändern können. Und so bleibt es bei der resignierenden Klage:

„Wie oft isset Montach, un wie selten iset Sonntach"?

Beispiele von Kumpel Anton

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich komme zum Schluss.

Muss ich eigentlich die Thema-frage noch beantworten? Ist nicht längst aus dem Gesagten hervorgegangen, dass Ruhrdeutsch eben mehr ist als „Sprache der Proleten"?

Es ist eine Sprache, vergleichbar mit Mundarten anderer Regionen, die uns auf unsere eigene sprachliche Vergangenheit verweist, auf eine Zeit, in der in unserem Bereich niederdeutsche Mundarten gesprochen wurden.

Es ist eine Sprache, in der sich der Prozess widerspiegelt, der sich im Zuge der industriellen Revolution im Ruhrgebiet abgespielt hat und folglich auch im Bereich der Sprache nicht ohne Folgen war.

Es ist eine Sprache, die den Menschen in dieser Region die Möglichkeit gibt, sich in Alltagssituationen kurz, aber unmissverständlich zu verständigen und dabei mit der Sprache auch ihre Einstellungen und Emotionen so zu transportieren, dass sie den Gesprächspartner ohne Zweifel erreichen.

Sicher ist Ruhrdeutsch keine Sprache, mit der man komplizierte theoretische Sachverhalte erörtern kann.

Das kann man aber mit keiner Mundart. Dafür ist eine Mundart auch nicht gedacht.

Aber Ruhrdeutsch ist eine Sprache, die uns einander näher bringen kann und mehr von dem anderen verrät, als ein angeblich fehlerfreies Hochdeutsch

Wenn Ihnen also nach dem heutigen Abend noch einer weismachen möchte, Ruhrdeutsch sei die Sprache der Proleten, dann schauen Sie ihn ganz ruhig und ein wenig lächelnd an, nicht arrogant und herablassend lächelnd, das ist nicht die Art des Ruhrgebietlers, sondern vielmehr ein wenig mitleidig, und dann sagen Sie:

,,Weisse, dat einzige, wat Du has, is keine Ahnung, aber davon hasse viel".

Literatur

Für den ersten Teil des Vortrags (Sprachgeschichte und Merkmale des Ruhrdeutschen) habe ich folgende Literatur benutzt, ohne das im Einzelnen zu kennzeichnen.

 Claus Sprick: HÖMMA, Sprache im Ruhrgebiet. Straelener Manuskripte Verlag, 1989

Heinz H. Menge: Ist unser Ruhrdeutsch ein Dialekt?. In: ImAnfang war das Wort, Jahresgabe 1983 der HOESCH WERKE AG, Dortmund

Dirk Hallenberger / Johannes Volmert: ,,Tuusse ma eem im Kaböusken titschen ... ". Die Sprache im Ruhrgebiet Paderborn 1990